Rückkehr in ein verändertes „Brum“ – Alter Vertrag verbietet neue Platten, aber live geht die Post ab – Die Steve Gibbons Band entsteht (1972 – 74)

Mods, wie sie sich vermutlich im Publikum der Steve Gibbons Band nicht selten waren (Quelle des Beitragsbildes: Sergio Calleja https://www.flickr.com/photos/24899877@N00).

Brum hat sich verändert

Nach dem Ende der Balls war Steve Gibbons nach Birmingham zurückgekehrt und suchte – da seine Solo-Platte weitgehend unbeachtet blieb – Anschluss an eine Band.

Birmingham in den 1970ern war eine pulsierende Stadt, wie dieser Film von Geoff Clayton auf You Tube zeigt:

Aber dieMusikszene dort hatte sich verändert.

Der große Boom der Gruppen aus Birmingham auf dem nationalen und internationalen Markt war vorbei. Der frühere Manager von The Best und Fine Young Cannibals John Mostyn stellt in der Fernsehdokumentation „Untold Stories“ fest, dass aus Birmingham immer Rockgruppen in Wellen gekommen seien.

So hatte Birmingham nach einer Pop-Phase mit Gruppen wie The Move und Moody Blues Anfang der 1970-er Hard- und Heavy-Rock mit Gruppen wie Black Sabath und Led Zeppelin ausgespuckt. Dann war aber sei es erst einmal vorbei mit den „Rising Stars“ aus Birmingham gewesen. Abgesehen vielleicht von Joan Armatrading, die allerdings nur nach Birmingham zugewandert, also jedoch keine „Gewächs“ aus „Brum“ war, und auch in der dortigen Szene kaum aufgetaucht war, bevor sie international bekannt wurde

Auch was Gruppen mit örtlichen Wirkungskreis anging, gab es Veränderungen. Früher gab es in „Brum“ an jeder Ecke und Ende Auftrittsmöglichkeiten. Nun, Anfang der 1970er, begann die Zeit des Disco und die Kneipenbesitzer einen Discjockey engagierten lieber als eine komplette Band.

Keine gute Ausgangssituation für Gibbons, der das in einem Interview mit Steffen Radlmayer von der Nürnberger Nachrichten auf der DVD „Live at Kofferfabrik“ so beschreibt:

It was a big struggle to restablish yourself which was what I had to do.

Dennoch fand Steve eine Möglichkeit, wieder in die Birmingham Musikszene einzusteigen (Die Fortsetzung seiner Tätigkeit als Klempner scheint er jedenfalls nicht ernsthaft in Erwägung gezogen zu haben).

Idle Race hat einen Platz frei, aber passt der auch zu Steve Gibbons?

Jeff Lynne kaperte The Move und macht ELO daraus

Bei den Idle Race war nämlich eben eine Stelle frei geworden.

Jeff Lynne hatte die Gruppe in Richtung The Move verlassen, die er – kaum dass er dort angekommen war – in das Electric Light Orchestra transformierte

 Idle Race, eine weitere Brum-Band, deren Entdeckung sich lohnt!

Idle Race  war damals eine bekannte Größe in der Birmingham Szene, die schon verschiedene Platten aufgenommen hatte.

Darunter finden sich Pop-Perlen, die schon Jeff Lynnes` spätere Handschrift bei ELO oder auch den Travelling Willburies erkennen ließen. Dazu gehört zum Beispiel das Lied „Happy Birthday/The Birthday“, dessen Streicherintro ebenso prä-ELO wie der Rest des Songs – wegen der ostinaten Streicherfigur, aber auch textlich: (How is it no one came?) – post-Eleanor Rigby ist.

Weitere Lieder zeigen wiederum Querverbindungen zu anderen Brumrock-Produkten:

  • Don´t put your boys in the Army, Mrs. Ward“ weist vom Thema her erhebliche Parallelen mit „Fight for my  Country“, der einzigen Single, die die Balls zuwege gebracht hatten, auf.
  • Und „Wait till the Morning sunshine“ könnte bei Steve Gibbons im Hinterkopf gesteckt haben, als er Jahre später „Wait Till The Fire Burns Out“ geschrieben hat.

Die Idle Race sind, ebenso wie die Ugly`s, eine 60´s-Band aus Brum, von der man sich wundert, warum in Deutschland niemand Kenntnis von ihnen nahm. Das „Leerlauf-Rennen“ (oder sollte man die Kombination der beiden schillernden englischen Begriffe idlle und race besser mit „Die müßige Rasse“ übersetzen?) hatte jedoch erheblich mehr Plattenveröffentlichungen vorzuweisen als „Die Häßlichen„.

Und wohl auch eine größere musikalische Spannweite. Obwohl vor allem als Pop-Band wahrgenommen konnten sie auch ordentlich rocken. Titel wie „Alcartraz“, „We Want it All“ oder „Someone Knockin`“ beweisen das. Und Country Anklänge („And Then Rain“) finden sich bei ihnen ebenso wie große Gefühle. Für diese war in der Gruppe offensichtlich Dave Pritchard (als Komponist und Sänger) zuständig.

Auch Idle Race ist also eine Band, die sich zu entdecken lohnt!

Und wer die Stilvielfalt (und die Qualität dabei) hört, fühlt sich an Steve Gibbons` Solo-Album Short Stories erinnert. Die Band war also alles andere als ein last ressort für Gibbons. Er passte mit seiner Vielfalt und Kreativität zu dieser Band.

Aber der Zeitpunkt und das bisher veröffentlichte Material stimmten nicht! Und wohl auch nicht die Pläne der Beteiligten!

Das Personalkarussel der Idle Race wird schneller

Im Jahr 1970 befand sich die Idle Race in einer Phase, in der die bisherigen Mitglieder die Band in alle möglichen Richtungen zerstreuten.

Die Gruppe, die wiederum aus The Nightriders  hervorgegangen war, bestand zu Beginn der Jahres 1970 aus:

  • Jeff Lynne (guitar, piano, vocal)
  • Greg Masters (bass guitar, vocal)
  • Dave Pritchard (guitar, vocal)
  • Roger Spencer (drums, vocal)

Im Jahr 1970 verließ dann Jeff Lynne die Band und wurde durch Mike Hopkins (guitar, vocal), der früher bei den Diplomats und The Lemon Tree gespielt hatte, und Dave Walker (harmonica, vocal), der von The Recaps kam, ersetzt.

Auch ohne Jeff Lynne, der  später mit ELO und den Travelling Willburies eine glänzende Karriere machen sollte, war man durchaus erfolgreich, vielleicht sogar erfolgreicher als mit ihm.

In der neuen Besetzung nahm die Band nämlich eine Coverversion von Mungo Jerrys` ‚In The Summertime, die prompt Nummer 1 erreichte. In Argentinien zwar, aber immerhin!

Aber auch dies verhindert nicht, dass es in der Band – vor allem, nachdem auch die nächste LP nicht einschlug – weiterhin zuging wie in einem Taubenschlag:

  • Nach einem weiteren Album verlässt auch Dave Pritchard die Band und durchläuft eine Reihe von Birminghamer Bands, darunter auch einer, namens zu The Poorboys.
  • Kurz darauf geht auch Dave Walker, der später bei bekannten Bands wie Savoy Brown, Chicken Shack, und Fleetwood Mac spielen sollte.
  • Eine andere Richtung schlug Roger Spencer ein, der Mitglied der örtlichen Kabaret-Band Sight and Sound wurde. Später sollte er TV-Produzent und danach unter dem Pseudonym „Ollie“ Spencer Comedian werden. Mike Hopkins dagegen wechselte zur Hard Rock-Gruppe Bandy Legs.

Übrig blieb von Idle Race nur Greg Masters, dem sich die Gitarristen Dave Caroll und Bob Wilson von der Birminghamer Band Tea & Symphony sowie der Schlagzeuger Bob Lamb von der Gruppe  Locomotive anschlossen.

New Kids in the Band

Kurz danach wurde Steve Gibbons Mitglied der Gruppe. Im Februar 1972 verlässt mit Greg Masters auch das letzte „originale“ Mitglied die Gruppe und wird kurzzeitig durch Bob Griffin ersetzt, dem wenig später Trevor Burton, Steve Gibbons` Mitstreiter bei den Balls, nachfolgt.

Idle Race bestand also im letzten line up aus lauter Musikern, die noch kurz vorher nichts mit der Band zu tun hatten, nämlich (in der Reihenfolge ihres Beitritts zur Band) aus:

  • Dave Caroll
  • Bob Wilson
  • Bob Lamb
  • Steve Gibbons und
  • Trevor Burton.

Steve Gibbons ein geeigneter Nachfolger für Jeff Lynne?

Manche Quellen berichten lapidar, dass die Gruppe nach dem Eintritt von Steve Gibbons relativ schnell zur Steve Gibbons Band (kurz: SGB) mutiert sei. Das klingt immer ein wenig so, als ob Gibbons diese Band im Handstreich genommen hätte, um sie zu seiner eigenen Band zu machen und so sein eigenes Ego zu pflegen.

Wenn man genau hinsieht (und vor allem hinhört) war es jedoch anders: Ein Bandname steht immer auch für ein Konzept – und für Songs, die die Fans bei den Konzerten lautstark einfordern.

Und jetzt stellen Sie sich einmal die Stimme von Jeff Lynne (die Sie, auch wenn Sie nie einen Song von Idle Race gehört haben, aus Songs des Electric Light Orchestras kennen) vor und daneben diejenige von Steve Gibbons:

Dass das Konzept „Steve Gibbons singt Jeff Lynne“ nicht aufgegangen wäre, erscheint also nachvollziehbar!

Ebenso wird man verstehen können, dass Steve Gibbons wenig Lust hatte, die Lieder seines Vorgängers zu singen, wo der doch soviel eigenes Material und eine ganz andere Stimme hatte. (Zudem stand Gibbons vermutlich der musikalischen Richtung der Idle Race ähnlich gegenüber wie Trevor Burton derjenigen, die The Move mit ihren Hits eingeschlagen hatte: Ein bisschen mehr Rock und Blues durfte es schon sein!)

Die Steve Gibbons Band entsteht

Was nicht passt, wird passend gemacht: Auch der Bandname!

Also sprach viel für eine Umbenennung der Idle Race!

Die Steve Gibbons Band war nun also gegründet. Das Arbeiten konnte sie allerdings nur eingeschränkt anfangen:

  • Auftreten konnte man ohne Probleme.
  • Was Plattenverträge anging, war Steve Gibbons jedoch „kastriert“, da er durch seinen vorherigen Vertrag mit Tony Secunda seine diesbezügliche Freiheit verloren hatte.

Für Leser, die auf dem europäischen Kontinent leben, mag es schwer vorstellbar sein. Das anglo-amerikanische Recht sieht Verträge, die bei uns als sittenwidrig gelten würden, relativ entspannt: „Der Mensch ist frei und jeder ist seines Glückes` Schmied.“ Deshalb ist man selbst schuld, wenn man einen Vertrag unterschreibt, durch den man sich selbst ins Knie schießt.

Für die neugegründete SGB war dies deshalb schade, da es durchaus Anfragen für Plattenaufnahmen gab, die alle abgelehnt werden mussten, obwohl daraus die eine oder andere veritable Platte hätte werden können.

Kein Studio, aber live geht die Post ab

Steve tat – zusammen mit seiner Band – das, was er ohne die Möglichkeit von Plattenaufnahmen tun konnte. Und sie scheinen es nicht schlecht gemacht zu haben.

Durch eindrucksvolle Live-Auftritte bauten sie sich in Birmingham und in den Midlands einen treuen Stamm von Fans auf.

Der frühere Manager von The Best und Fine Young Cannibals John Mostyn beschreibt das in der Fernsehdokumentation „Untold Stories“ so, dass der „amazing boom“ der Birminghamer Bands 1971 zum Stillstand gekommen sei. Wörtlich meint er:

And then througt the 70s nothing! The only Band (aus Brimingham) that did any damage in the mid 70s was the the Steve Gibbons Band

Robin Val, früher Diskjockey bei BRMB Radio, erinnert sich in derselben Fernsehsendung daran, dass die Steve Gibbons Band an Samstagen zwei feste Engagements („Residency“ nennt man solche Dauerspielort) hatte: Eines zur Mittagszeit in einem Club, und eines am Abend in einem anderen, dem „Old Railway“ in der Curzon Street.

Val erinnert sich:

I used to go to both. There was a punch who used to go to both. And we knew all the songs and we sang along

Und weiter meint er zu den Live-Qualitäten der damaligen Zusammensetzung der Gruppe (die in den nächsten Jahren diejenige sein sollte, mit der Gibbons seine größtem Erfolge erleben sollte)

It was the perfect line up for the Steve Gibbons Band

Statt auf den Fußballplatz: Jede Woche zur selben Band

Das Publikum kannte also alleine aufgrund der Konzertbesuche die Lieder, die noch nie auf Platte erschienen oder im Radio gelaufen waren, so gut, dass es diese mitsingen konnte!

Verständlicher wird dies, wenn man sich in Erinnerung ruft, dass Live-Musik-Hören damals einer der Hauptzeitvertreibe am Wochenende war.

Und dabei ging es nicht darum, irgendwelche überregional bekannten Gruppen zu hören, sondern es gab Lokalmatadoren, die man sich mindestens einmal wöchentlich (wenn nicht sogar öfters) live anhörte.

Vorgruppe für ELO

Meistens spielte man damals in Clubs. Man trat aber auch damals schon als Vorgruppe bekannter Bands auf. So im Fruhjahr 1973 als Opening Act des Electric Light Orchestra (ELO) von Steves Idle Race-Vorgänger Jeff Lynne, die mit ihrer eigenwilligen Version des Chuck Berry-Songs Roll Over Beethoven gerade ihren ersten Hitparadenerfolg feiern konnten.

Für ELO eröffnete man

  • im Mayfair Ballroom in Newcastle,
  • in den Winter Gardens in Malvern, im Leeds Polytechnic in Leeds und
  • im 1973 Gliderdrome im englischen Boston und das Jahr danach,
  • am 1. Februar 1975 nochmals an der  Brunel University in Uxbridge.

Zwischen den Konzerten in Malvern und in Leeds im Jahr 1973 übernahmen die Rolle des Anheizers für ELO für ein Konzert in London übrigens Thin Lizzy, die damals mit Whiskey in the Jar schon einen Hit hatten, den sie aber live nicht spielten, da sie ihn nur auf Drängen der Plattenfirma aufgenommen hatten.

 London Calling

Die Kerner-Arbeit der Steve Gibbons Band zahlte sich aus:  Mit der Zeit kamen auch zunehmend Buchungen für Londoner Clubs herein. Das erweiterte nicht nur den Aktionsradius, sondern erhöhte auch die Chancen „entdeckt“ zu werden.

Beispielsweise dadurch, dass zu einem der Auftritte der Manager einer weltberühmten Band hereinspaziert, von der Gruppe begeistert ist – und diese nicht nur unter Vertrag nimmt, sondern auch dafür sorgt, dass die mit dieser Band auf Welttournee geht.

„Solche Dinge passieren nur in Märchen“, sagen Sie?

Dann lassen Sie sich mal überraschen!

Hier geht`s weiter.

 

 

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