Who are you: Roadie oder zukünftiger Star? Pete Townsend wird eines Besseren belehrt – Oder: Ein Jackett, das es in sich hatte! (1975)

Pete Townsend in Hamburg 1972: Quelle des Beitragsbildes: Heinrich Klaffs – https://www.flickr.com/photos/heiner1947

Nach vielen Konzerten in Brum war man also in London angekommen. Man war allerdings immer noch eine Band, die wegen alter vertraglicher Verbindungen ihres Frontmannes und Namensgebers nicht ohne weiteres in das Aufnahmestudio gehen konnte. Und ohne Vinyl kein Radio.

Was macht ein Sakko unter lauter Jeansträgern?

Die langesehnte Befreiung kam im Jahr 1975 in auffälligem Stoff gewandet in eines der Londoner Konzerte der Band. Bei einem der Auftritte im Hope and Anchor Pub in Islington entdeckte Steves` scharfer Blick ein modisches Detail, das wenig zu dem meist in Jeans gekleidete Publikum passte: Ein Sakko.

Einige Abende später, wieder „zuhause“ im Railway in Birmingham dann dasselbe: Der Laden voller Jeanstypen – und mitten drin eine einsame Anzugsjacke. Steve erinnert sich – und offenbart dabei, die Sichtweise eines modebewussten „Mods“ auf die Welt:

I`m hopeless with faces, but I never forget a jacket (Hornsby Bum Rocked On, S. 285)

Höchstwahrscheinlich war diese Anzugsjacke mit Geld bezahlt worden, das durch die Musik von The Who eingenommen wurde. Sie gehörte nämlich Peter Meaden, dem ehemaligen Manager dieser Band.

Peter und Steve kamen im Railway ins Gespräch und Maeden versprach, dass er Pete Townsend für die Band interessieren würde. Steve Gibbons hielt dies für warme Luft und dachte:

Yeah, believe it when you see it (Das glaube ich erst, wenn ich es sehe).

Ein paar Tage später spielte die Steve Gibbons Band dann wieder in London (sie müssen damals viel Geld für Benzin auf der M 1 die London und Birmingham verbindet, gelassen haben!). Dieses Mal trat die SGB im Dingswall Club auf.

Pete Townsend auf Starsuche

Und da war tatsächlich kein geringerer als Pete Townsend, der Kopf der The Who persönlich.

Diese standen damals nach Hits wie „My Generation“, dem Woodstockauftritt und der Rockoper Tommy, die auch zu einem internationalen Kino-Hit wurde, am Zenit ihrer Karriere. In einer solchen Situation sucht man schon einmal nach neuen Feldern, auf denen man sich beweisen kann, auch wenn die eigenen Finanzen noch nicht so geordnet waren, wie man es bei all diesem Erfolg wohl erwarten würde. Townsend begann deshalb, nach bislang unentdeckten Talenten zu suchen und wurde auch als Musikverleger aktiv.

Von dem, was er an diesem Abend sehen sollte, erwartete er sich einiges, nämlich einen Act der das Potential hatte, genauso einzuschlagen wie The Who. Ein paar Jahre später schrieb Townsend im Vorwort zum „Steve Gibbons Book“, einem Songbook mit den wichtigsten Liedern der ersten drei Studioalben der SGB, das er in seinem Musikverlag herausgab:

Pete(r Meaden) was always a guy whose Rock image ideas I respected…. So when he rang me … to tell about a group he had discovered fronted by a man called Steve Gibbons I responded favorably. After all he had discovered The Who, he could be right twice!

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Bild oben: Titelseite des The Steve Gibbons Book, herausgegeben von Pete Townsend

Traue niemand über dreißig (etwas zu)

Die erste Begegnung zwischen Townsend und Gibbons verlief anfangs jedoch mit einer skurrilen Note:

Pete Townsend wurde Steve Gibbons vor dessen Auftritt vorgestellt. Wegen der wenig angesagten Klamotten, die Gibbons trug, und dessen fortgeschrittenes Alter dachte Townsend jedoch, der Mann vor ihm wäre ein Roadie. Offensichtlich passten ein solches Outfit und Alter nach Auffassung des Autor der weltberühmten Zeile „ hope I die before I get old“ wenig zu einer neuen Hoffnung der Rochmusik, die ihm Meaden versprochen hatte.

Townsend erinnert sich:

Pete (Maeden) introduced me to Steve before they played. I recognized the face from the past, but thought that anyone so „seasoned“ must at least be a roadie. I asked Pete when I could meet Steve Gibbons… Pete Maeden thought I was joking.

Gibbons war damals 34 Jahre alt. Heute kein Alter für Rockmusiker. Damals war das jedoch fast ein Totschlagsargument. (So viel zu Toleranz und „Open-Mindness“ der Woodstock-Generation!)

Townsend verhielt sich vermutlich britisch höflich und wartete auf den Beginn des Konzertes ab um endlich den Vollblutmusiker zu sehen, den ihm Meaden versprochen hatte. Und da stand dann der Mann, den er eben noch für einen betagten Hilfsarbeiter zum Bühnenaufbau gehalten hatte, auf der Bühne und zeigte dem Publikum wo es lang geht.

Wiederum Pete Townsend:

It was not until Steve Gibbons took the stage that I realised that the quiet handsomely road-worn man I had met was also the brilliant writer, the image-perfect, voice-perfect vreatuere described to me by Pete. … I became more and more impressed with the talent, and the great musicians that Steve had found for his band

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Bild oben: Auszug aus dem Vorwort von Pete Townsend zum „Steve Gibbons Book

Besonders hebt Townsend das Talent von Gibbons als Songwriter hervor:

His writing never ceases to amaze me. He distills everything in the graet British Rock writers tradition from Ray Davis to Lionel Bart.

Lionel Bart ist unter Rockfans vermutlich weniger bekannt. Der 1930 als Lionel Begleiter in London geborene Komponist schrieb unter anteren das Erfolgsmusical Oliver! nach dem Roman Oliver Twist von Charles Dickens.

Townsend betont außerdem:

Steve can also bring across the true spirit of Nashville, of Dylan`s New York, or Bruce Springsteens`s or Paul Simon`s street heritage. Steve is from Birmingham but his culture is a stifed bag of music flour from fifteen years of Rock Harvest.

Der Vergleich mit Paul Simon wäre uns jetzt nicht eingefallen. Und das fünfzehn Jahre „Rock Harvest“ damals schon als lang angesehen wurden, lässt sich nur durch den Jugendkult der damaligen Zeit erklären.

Was Pete Townsend, Leo Sayer und Steve Gibbons gemeinsam haben

Eindeutig ist aber das Townsend damals also schon Gibbons` breite musikalische Wurzeln erkannte. Und dann folgt der Ritterschlag. Die Mastermind von The Who, der Komponist von Tommy und Quadrophenia attestiert Gibbons nämlich, dass dieser zumindest in einigen Punkten „in derselben Liga spielt“ wie er selbst. Townsend wörtlich:

His works sometimes touches on areas I have covered too: Steve is one of the few writers barring myself and Leo Sayer who have come up with a perfect song for Roger Daltrey…

Kein Wunder also, dass Townsend sehr angetan und seinen aktuellen Manager Bill Curbishley auf die Band aufmerksam machte. Worauf die Steve Gibbons Band fortan vom Management der Who betreut wurde, und Townsend selbst als Musikverleger die Songs von Gibbons publizierte und mit ihm zusammen bei Solokonzerten auftrat.

Ein Treffen mit Folgen

Und das war noch lange nicht alles, was aus dieser Begegnung im Londoner Dingswall Club folgte:

Da The Who als Unternehmen offensichtlich ausreichend liquide Finanzmittel in der Kasse hatten, bestand nun auch die Hoffung, dass es das neue Managment schaffen würde, Steve Gibbons von seinen vertraglichen Verpflichtungen befreien, so das dieser  mit seiner neuen Band ein Album aufnehmen können würde, bei dem – ebenso wie bei seiner vorherigen Solo LP – an Unterstützung nicht gespart werden sollte.

Peter Maedens weiteres Schicksal

Die „Entdeckung“ der Steve Gibbons Band durch Peter Maeden war übrigens nicht nur für die Band ein Glücksfall, sondern auch für Maedon selbst. Der war nämlich zehn Jahre vorher von Kit Lambert und Chris Stamp aus dem Management von The Who ausgebootet worden.

Jetzt, mit diesem „Fisch an der Angel“ schaffte er, so berichtet Mark Wilkerson in seinem Buch „Who Are You: The Life Of Pete Townshend „das „Re-Entry“ in den engeren Kreis von The Who und wirkte später bei Quadrophenia als Berater mit.

Vielleicht wäre es für ihn aber besser gewesen, wenn er nicht wieder in diesen Zirkel, in dem er mit Keith Moon auch ausgiebig Drogen konsumieren konnte, aufgenommen worden wäre.

Am 30. Juli 1978 starb Maeden nämlich an einer Barbiturat-Vergiftung.

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