„Short Stories“: Ein aufwändig produziertes Meisterwerk findet nicht in die Läden (1971)

When the Party is over

Irgendwann war dann die endlos Jam-Party vorbei und die „Balls“ waren Vergangenheit. Tony Secunda jedoch hatte jedoch trotz der mageren Ausbeute dieses Supergroup-Experiments den Glauben an Steve Gibbons nicht verloren.

Das Resultat war Short Stories ein Soloalbum von Steve Gibbons, bei dessen Aufnahmesessions wiederum an nichts gespart wurde.

Prominente Mitmusiker

Die Band, mit der dieses Album eingespielt wurde, war hochkarätig besetzt:

  • Die Keyboards bediente Gary Wright, der  Spooky Tooth mitgegründet hatte, und später als Studiomusiker für George Harrison, Joe Cocker, Elton John, Steve Winwood, Salt ‚N‘ Pepa, Eminem und Joan Osborne arbeiten sollte.
  • An einer der Gitarren war Albert Lee zu hören, der als Studiomusiker schon mit Jimmy Page gespielt hatte, bevor dieser mit Led Zeppelin abhob. Später sollte Lee in Bill Wyman¹s Rhythm Kings die sechs Saiten bedienen.
  • Am Schlagzeug saß Alan White, ein Ex-Ball, aber auch damals schon ein Veteran der Plastic Ono Band, der zusammen mit Klaus Vormann am Bass dem notorisch taktunsicheren John Lennon sowie Eric Clapton den Rhythmus vorgegeben hatte. Später sollte er Drummer der YES werden.
  • Den Bass bediente ein weiterer Ex-Ball, Gibbons` alter Kumpel Trevor Burton.

Auch der Background-Chor war vom Feinsten

Und selbst der Background-Chor war vom Feinsten. Er war nämlich mit zwei US-Amerikannerinnen besetzt, die selbst schon Chart-Erfolge gefeiert und mit den Größen der Branche bei Welthits, die jeder schon einmal gehört hat, gearbeitet hatten.

Da die „Hauptmusiker“ relativ bekannt sind, wollen wir an dieser Stelle die beiden Background-Sängerinnen näher vorstellen:

Madeline Bell: Cocker, Donovan und Eurovision Song Contest

Da war zum einen Madeline Bell, die in den USA mit I’m Gonna Make You Love Me von Dee Dee Warwick, das vorher schon von den Supremes und Temptations aufgenommen worden war, sich als One-Hit-Wonder in den Top-Dreißig der Pop- und R&B-Charts platzieren konnte.

Nach ihrer Umsiedlung nach Großbritannien wurde sie dort Mitglied bei der Pop-Gruppe Blue Mink, die 1969 mit dem Lied „Melting Pot“ auf Platz 3 in Großbritannien kamen.

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Madeline Bell singt 2008 im Kurhaus Wiesbaden zum 60. Jubiläum der Berliner Luftbrücke. Bildquelle: Martin Greeson, U.S. Army – http://www.defenseimagery.mil; VIRIN: 080628-A-2403G-0049

Bevor sie für Steve Gibbons im Hintergrund sang, hatte sie dies schon für Dusty Springfield, Johnny Hallyday und Donovan getan. Außerdem war sie auf der Studio-Aufnahme von Joe Cockers Version des Beatles-Songs With a Little Help from My Friends und Rod Stewarts Every Picture Tells a Story zu hören.

Und vier Jahre nach der Aufnahmesession mit Gibbons konnte Bell in ganz Europa beim Eurovision Song Contest 1975 in Stockholm ein Millionenpublikum sehen und hören. Dort sang sie nämlich im Background bei Joy Flemings Ein Lied kann eine Brücke sein.

Doris Troy: In zehn Minuten zum Hit

Die zweite US-Auswandererin, die auf Short Stories im Hintergrund singt, war Doris Troy.

Diese war von James Brown entdeckt worden und hatte es mit dem von ihr selbst mitverfassten Song Just One Look im Jahr 1963 auf Platz 10 der Billboard Hot 100 geschafft. (Dieses Lied wurde übrigens in nur zehn Minuten aufgenommen, da sich Atlantic Records entschloss, die Demoversion für die Plattenveröffentlichung zu verwenden. Troy hatte also eine effektive Arbeitsweise, von der sich die Balls eine Scheibe hätten abschneiden können.)

Das Lied dürfte Troy einiges an Tantiemen eingespielt haben, da es später von The Hollies, Linda Ronstadt, Bryan Ferry, Klaus Nomi und Harry Nilsson im Duett mit Lynda Laurence gecovert wurde.

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Doris Troy: Quelle: Wikipedia

Wie Madeline Bell zog Troy nach Großbritannien, da sie sich dort mehr Erfolg versprach. Dort schaffte sie es mit Whatcha Gonna Do About It im Dezember 1964 auf Platz 37 der Singlecharts.

Zu den anderen Künstlern, für die sie bei Plattenaufnahmen sang, gehörten die Rolling Stones, auf deren hymnischen You Can’t Always Get What You Want sie ebenso zu hören ist wie auf George Harrisons My Sweet Lord, Carly Simons` You’re So Vain oder Billy Prestons`Album That’s The Way God Planned It, für das sie auch Songs mitschrieb.

Kurz vor den Aufnahmen mit Steve Gibbons spielte sie ihr erstes Soloalbum für Apple Records ein, das von keinem geringeren als George Harrison produziert wurde,

Mitgewirkt hat an diesem Album die Creme de la Creme der damaligen Rockmusik. Mit von der Partie waren u.a.:

  • George Harrison,
  • Ringo Starr,
  • Stephen Stills,
  • Klaus Voormann,
  • Billy Preston,
  • Peter Frampton,
  • Leon Russell und
  • Eric Clapton.

Das Leben von Troy, die England 1974 verließ, und zuerst nach Los Angeles und dann, der Auftrittsmöglichkeiten wegen, nach Las Vegas, zog, sollte in den 1980ern Vorbild für das Musical Mama, I Want To Sing werden.

Geschrieben hatten dieses ihre jüngere Schwester Vy and deren Ehemann Ken Wydro. Das Stück, uraufgeführt in Harlem und später auch auf Tourneen präsentiert, brachte es auf 1.500 Aufführungen. Von 1984 to 1998 wirkte Troy selbst mit und sang und spielte die Rolle ihrer Mutter. Bei einem Londoner Gastspiel wurde die Rolle der jungen Doris von niemanden geringeren als Chaka Khan gespielt.

Hörenswertes Resultat

Stilvielfalt

Das Solo-Album von Steve Gibbons war also auf allen Positionen bestens besetzt. U.a. konnte konnte sich die Ausbeute der Sessions – im Unterschied zu den Aufnahmebemühungen der Balls  – mehr als sehen und hören lassen.

Heraus kam nämlich ein aufwendig und detailverliebt instrumentiertes Album, zwischen dessen rockigen Titeln Country- und Popsongs eingestreut waren. Und manchmal meint man auch noch eine Anmutung von Irish Folk herauszuhören.

Die Qualität der einzelnen Songs ist durchwegs gut. Das Album schleift sich auch beim x-ten Hören nicht ab, sondern man entdeckt beim Wiederhören neue Facetten und Töne. (Darin ist es dem mehr als 35 Jahre danach erschienenen Album Chasing Tales, dessen Titel ebenfalls auf literarische Erzählungen verweist, das allerdings wesentlich spärlicher instrumentiert ist, nicht unähnlich)

Manch einem mag die Spannweite dieses Albums sogar zu weit sein:

Wer die zupackende ruppige Art von Leader of the Band, You`ve Got Pay – einem Lied mit einem Text, der weit hinter den Qualitäten der sonstigen Arbeiten von Steve Gibbons zurückbleibt – oder Bye Bye Buffalo schätzt, wird möglicherweise die Country-Nummmer Now You`re Leaving, die auf Leader folgt, nicht unbedingt mögen.

Und der vom Background-Chor dargebotene Herzschmerz von Until She Comes Home ist auch nicht jedermanns` Sache. Wobei dieses Lied eigentlich durch die raue Stimme von Gibbons nach den Sphärenausflügen des Chors immer wieder geerdet wird. Generell haben die eher popigen Lieder, zu denen man wohl The Last Farewell zählen kann, ein durchaus hohes Niveau und sind weit entfernt von jeder Oberflächlichkeit und von Kitsch.

Genialster Rockerzähler: Plaudern und Schauspielern zu Rockmusik

Mit One Of These Days legt Gibbons auf dieser Scheibe den ersten von vielen Songs in einem Stil vor, der sein Markenzeichen werden sollte.

„Der genialste Rockerzähler“ nannte ihn einmal ein Kommentator in einem Internetforum. Das trifft seine Art, manche Songs nich zu singen, sondern deren Handlung schlichtwerg über die Musik hinweg rhythmisch zu erzählen, sehr gut.

Das bekannteste Beispiel, in dem er diese Technik, die er auch bei seinen Konzerten in vielen Eingangsequenzen einsetzt, anwendet, dürfte Mr. Jones von dem späteren zweiten Album der Steve Gibbons Band Rollin` On ein. Und auf Chasing Tales perfektioniert er diese Kunst.

Alles, was diese späteren Songs prägt ist jedoch in One Of These Days schon angelegt. Auch der lakonisch-sarkastische Erzählton, der über den eher zweifelhaften Charakter vieler seiner Protagonisten allzu leicht hinwegsehen lässt, ist schon vorhanden:

I  went downstairs an`I kicked my wife/ she chased me round with a long big knife

she missed her aim an`she killed the cat/Yeah it`s gonna be one of them days

Gemischtwarenladen mit einheitlicher Power: Ein Hauch von Exile on Main Street

Es mag ein gewagter Vergleich sein: Ein bisschen erinnert das Album an das kurz danach aufgenommene Exile on Main Street der Rolling Stones, das ebenfalls bei aller Unterschiedlichkeit des eingespielten Materials – wie Wikipedia über die Stones Scheibe schreibt – durch „die durchgehende Stimmung voller Kraft und Groove“ zusammengehalten wird.

Eines haben beide Alben in jedem Fall gemeinsam: Den Produzenten Jimmy Miller, der für die Steine auch Beggars Banquet (1968), Let It Bleed (1969), Sticky Fingers (1971) und Goats Head Soup (1973) produziert hatte.

Exkurs: Zwei Bauern auf dem Land – Und was das mit Plattenaufnahmen zu tun hat

 Zwei bayerische Bauern sitzen inmitten von Feldern an einer Kreuzung, an der sich  der holperige Feldweg in drei neue Wege aufspaltet, und machen Brotzeit, als sich langsam eine große Limousine mit ausländischen Kennzeichen nähert, die sich offensichtlich verirrt hat.

Als der Wagen bei den beiden Landwirten angekommen ist, lässt der sichtlich verzweifelte Fahrer die Seitenscheibe herunter und fragt im perfekten Englisch: „Excuse me, how do I get from here to the next city?“

Die Bauern schauen ihn nur verständnislos an. Danach fragte der Fahrer in akzentfreiem Französisch: „Excusez-moi, comment puis-je aller d’ici à la prochaine ville?“

Die Bauern zucken wiederum nur mit den Schultern. Worauf aus dem Auto die italienische Frage „Scusi, come arrivo da qui alla prossima città?“ folgt.

Als auch das nicht hilft, wird ein mittlerweile schon etwas kleinlaut klingendes russisches „Извините, как мне добраться отсюда до следующего города?“ nachgeschoben.

Wieder ohne Erfolg!

Mit matter Stimme versucht es der verirrte Wageninsasse ein letztes Mal mit Esperanto: „Pardonu al mi, kiel mi ricevas de ĉi tie al la sekva urbo?“

Als auch hierauf jede Reaktion ausbleibt, gibt der Mann in dem Auto genervt Gas und fährt in eine zufällig ausgewählte Richtung.

Nachdem sich die Staubwolke gelegt hat, meint der erste Bauer zum zweiten: „Host des g`hert?“

„Wos`n?“

„Na, wieviel Sprach´n der g`kenner hat. Fünf Sprachen. Mai, da legst di nieder!“

Darauf der erste Bauer ungerührt: „Und: Hat`s was g`nutzt? Na, goar nix hat´s g´nutzt! Rein goar nix!“

Viel Mühe, kein Lohn

Es ist sicher kein Zufall, dass uns dieser Witz an dieser Stelle eingefallen ist: Das Soloalbum von Steve Gibbons wurde – wie übrigens auch das Soloalbum von Doris Troy – trotz aller Mühe, Qualität und Prominenz der Beteiligten alles andere als ein Kassenschlager.

Ein Wizard, der nicht zaubert

Die Ursachen dafür sind vielfältig. Unter anderem erschien die LP unter deer Bestellnummer SWZA 5501  auf dem Plattenlabel Wizard, das mit Denny Laine, ebenfalls ein Ex-Ball, zwar einen prominenten Inhaber hatte, dem aber keine lange Lebensdauer beschieden war.

Dementsprechend war die Platte dann auch Jahrzehnte lange nicht lieferbar, geschweige den, dass sie abholbereit in irgendwelchen Läden gestanden hätte. (Weshalb Michael Vonau davon spricht, dass das Album bis zu seiner Wiederveröffentlichung auf CD eine „Megararität“ gewesen sei.)

Kein Wunder, das auch die aus diesem Album ausgekoppelte Single Alright Now (deren B-Seite „Lay Some Lovin`Down“ es interessanterweise weder auf das damalige Vinyl-Album noch unter die Bonustracks der CD-Wiederveröffentlichung geschafft hat) keine Spuren hinterließ. Das Lied spielt er auch heute noch, zurückhaltender und dadurch intensiver, auf seinen Konzerten.

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Auch etwas kauzig: Werbung für die Singelauskopplung aus dem ersten Solo-Album von Steve Gibbons: Stand hier Jethro Tull Pate?

Singlequalitäten hätten aber wohl eher andere Nummern gehabt. Wobei man sich dann allerdings hätte entscheien müssen, ob man beispielsweisee mit Leader of the Band oder You Gotta Pay das Rock-Publikum oder mit einem Song wie The Last Farewell die Freunde des gepflegten Pops oder aber mit Now You`re Leaving die Country-Fraktion ansprechen hätte wollen.

Womit vermutlich ein grundsätzliches Problem bei der Vermarktung von Steve Gibbons angesprochen ist: Vom Image her wurde er immer als zwielichtiger Rocker verkauft, tatsächlich hat er aber musikalisch mehr zu bieten. (Andererseitas hat es den Bad Boys schlechthin, den Rolling Stones auch nicht geschadet, dass sie Sachen wie Angie und die eine oder andere Country-Nummer aufgenommen haben.)

Ein bißchen mag auch das Cover von Short Stories mit dazu beigetragen haben, dass die LP, wenn sie denn mal in einen Laden gekommen ist, dort kaum Käufer, die nicht ohnehin schon wussten, welche Musik sich auf ihr befand, zu einem Spontankauf oder zumindest zum Reinhören im Laden verführt hat:

Das „märchenhafte“ Cover mit Prinzessin und Prinz (der Steve Gibbons sehr ähnlich sieht), lässt nämlich eher an ein Album mit filigraner, nicht ganz kitschfreier Folk-Musik denken als an eine solide Mischung von Rock, Country und Prädikatspop.

An diesem Befund würde auch der Umstand nichts ändern, dass das Bild auf dem Cover möglicherweise – wie bei einigen anderen späteren Alben, von Steve Gibbons selbst stammt.

 

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Soll dies Steve Gibbons sein?

Bei Ridin Out the Dark und – vor allem – Chasing Tales harmonisieren die Covergestaltungen mit dem Inhalt. Bei Short Storyies verhält es sich dagegen so wie mit einem kräftigen bayerischen Brotzeitpaket, die in der Verpackung von Kinderschokolade steckt!

Ein Manager, der einem neuen Schützling den Vorzug gibt

Zum anderen fand Tony Secunda keine Zeit mehr, sich um die Vermarktung zu kümmern. Er hatte nämlich einen neuen Schützling gefunden, von dem er sich kommerziell mehr versprach. Sein Name war Marc Bolan. Der Rest ist ein bedeutendes, aber kurzes Kapitel Rockgeschichte, dass auf dem Beifahrersitz eines Kleinwagens im Londoner Stadtteil Barnes am 16. November 1977 sein jähes Ende fand.

Kurz vor Bolans Tod sollten sich dieser und Gibbons und Bolan jedoch nochmals treffen. Steve war nämlich am 14. September 1977 mit seiner Band Jahre später Gast in Bolans TV-Show.

Schwierige Ausgangsposition für die nächste Etappe

Steve Gibbons hatte also seinen ersten Longplayer eingespielt, gleichzeitig musste er er sich einen neuen Manager suchen – und dabei erfahren, dass man an einen Vertrag auch noch dann gebunden ist, wenn man mit dem Manager, der einem diesen eingebrockt hat, nicht mehr zusammenarbeitet.

Er sollte an dieser Bürde noch lange zu tragen haben.

Es bleibt also spannend!

Hier geht es weiter.

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