„Auf freiem Fuß“ und auf einen Herzschlag „On Stage“ mit George Harrison (1985/1986)

Quelle des Beitragsbildes: Wikipedia ( Frontcover des Heart Beat 86 Charity Konzertprogramms)

„Tried`n`tested“, eine Kassette in Eigenproduktion

Nach dem top aufgemachten Album „Saints & Sinners“ folgte vier Jahre erst mal kein neuer Tonträger der Steve Gibbons Band. Im Jahr 1985 erschien dann Tried`n`tested, eine in Eigenproduktion in den Rich Bitch Studios, Selly Oak, Birmingham  aufgenommene Kassette, die um 1985 herum bei Konzerten verkauft wurde.

Dies war vermutlich ein Versuch, sich an die neue Situation anzupassen,die Fans trotz fehlendem Plattenvertrag mit neuen Aufnahmen zu versorgen und „die Verwertungskette“ in eigene Hände zu nehmen. Eine gewisse Fallhöhe liegt aber schon zwischen beiden Veröffentlichungen.

Viele Motorrad-Songs

Diese Kassette enthält nicht weniger als vier Songs, die das Motorradfahren zum Thema haben, nämlich die Eigenkompositionen „B.S.A.“ (das vorher schon erschienen war), „Harley Davidson“, „Triumph Bonneville“ und den als Arlo Guthrie/ Steve Gibbons“ geführten „Motorcycle Song“. (Auf das Thema „Motorradsongs“ werden wir noch im Zusammenhang mit dem Song „TT 92“ und den Auftritten der Steve Gibbons Band bei den ebenso merkwürdigen wie wahnwitzigen und lebensgefährlichen Motorradrennen auf der Isle of Man zurückkommen.)

Hinzu kommen wiederum Coverversionen und Fremdkompositionen:

  • Die Chuck Berry Komposition „Down The Road Apiece“,
  • der „20 Flight Rock“ von Eddy Cochran,
  • Down Deep Down“ (Thompson),
  • Nothin`but You“ (Steve Earle) und
  • „Sign Of The Times“ (Willy Russel).

Außerdem gab es noch die Eigenkomposition „Don´t Let`em Get Ya!“.

Viele Songs von der Kassette wurden später Bonustracks

„B.S.A.“, „Triumph Bonneville“ und „Harley Davidson“ wurden später für die Re-Issue des 1990er erschienenen Albums „Maintaining Radio Silence“ als Bonustracks verwandt„ Nothing But You“ und der „20 Flight Rock“ sollten später Verwendung als Bonustracks auf der Wiederveröffentlichung von „Birmingham To Memphis“ finden.

Die Investition in diese Eigenproduktion hatte also langfristige Folgen.

Birmingham Heart Beat 1986: Charity mit Ex-Beatle-George

Die Vorgeschichte

Das darauf folgende Jahr 1986 ließ sich für die Steve Gibbons Band jedoch besser an. Und für Steve Gibbons ging im März dieses Jahre vermutlich ein Traum in Erfüllung, den wohl fast jeder Rockmusiker hat, in Erfüllung: Einmal mit einem Beatle gemeinsam auf der Bühne stehen!

Der Anlass war ein wohltätiger. Bev Bevan, der ehemalige Schlagzeuger von The Move und Mitgründer des Electric Light Orchestra (ELO), suchte in der Brum Musikszene Unterstützer für ein Wohltätigkeitskonzert zugunsten des Kinderkrankenhauses in Birmingham.

Einer Bitte, der sich

  • UB 40,
  • Denny Lane
  • Robert Plant mit seiner damals neuen Band Big Town Playboys,
  • The Moody Blues und das
  • Electric Light Orchestra (ELO), das erste Mal seit vier Jahren wieder auftraten,

also die damals wohl größten Namen aus der Midland Musikszene, nicht verschlossen.

Und auch viele Brum Beat-Akteure der 1960er und 1970er wie

  • The Fortunes,
  • Roy Wood,
  • Applejacks, die nach zwanzig Jahren das das erst Mal überhaupt ein Konzert gaben, und
  • Rockin` Berries

nahmen an einer Veranstaltung, die den Titel „Birmingham Heart Beat 1986“ bekam, teil.

Moderiert wurde das ausverkaufte Konzert, das später auch in Ausschnitten in der BBC gesendet wurde, von den Comedians Jasper Carrott und Peter Powell. Außerdem sprachen der Sänger und Gitarrist von Slade Noddy Holder und Jim Davidson, ebenfalIs ein bekannter Comedian. Auch eine Grußadresse von Bob Geldorf gab es.

Wohldurchdachter Auftritt der SGB

Den Auftakt für den langen Konzerttag machte die Steve Gibbons Band mit einem nur drei Lieder langen Auftritt, der aber wohldurchdacht war und die Band in verschiedenen Facetten zeigte.

Man begann mit „Personal Problem“ (im englischsprachigen Wikipedia-Beitrag zu Birmingham Heart Beat 1986″ fälschlicherweise „Share It With You“ genannt.)

Die letzte Single der Steve Gibbons Band

Der Song ist eine Eigenkomposition von Steve Gibbons und erschien auch als Single, die letzte Single der Steve Gibbons Band überhaupt, im Vereinigten Königreich auf dem Label Aura, in Deutschland auf Bellphon.

Vermuten kann man, dass sich das Label erwartet hatte, dass der Auftritt bei Heart Beat 1986 dem Song entsprechende Popularität bescheren würde. Auch weil die B-Seite den Anschein erweckt, dass das gesamte Konzept der Single sehr kommerziell ausgerichtet war. Sie enthielt nämlich „Old Time Rock`n`Roll“, das im Original ausgerechnet von Bob Seger, als dessen englische Ausgabe Steve Gibbons verkauft wurde, stammte.

Steve Gibbons als „Bob Seger No.2“, war das nicht eine Marketingstrategie, die gründlich in die Hose gegangen war?

Weil die Amerikaner mit ihrem eigenen Bob Seger zufrieden waren. Ein Rezensent auf ITunes formulierte es so:

A critic once called Steve Gibbons „the English Bob Seger,“ which, as descriptions go, could have been much worse,… The trouble was that being the English Bob Seger meant little, if anything, to most American rock fans (who preferred their own Seger by a wide margin), and Gibbons‘ career never amounted to much in the U.S.; he was fairly popular in England, though.

Und andere, darunter der US-Kritiker Robert Christgau, hatten Zweifel ob Bob Seger wirklich den Rang verdient, den man ihm beimass:

young Bob Seger ….a craftsman who hadn’t yet mastered his craft.

Zurück zum Konzert: „Personal Problem“ präsentierte sich als idealer Opener für ein mehrstündiges Konzert mit vielen verschiedenen Gruppen, lebendig vorgetragen von einer kraftvollen Band, die locker aus der Hüfte heraus und geradeaus voran spielte. Da bleibt man aufmerksam vor dem Fernseher sitzen, auch wenn man eigentlich nur auf Musiker warten, die erst später kommen sollten!

Softer Song im Mittelpunkt

Dann folgte „Till The Well Runs Dry“ vom zweiten Album „Rollin`On“, das die Hälfte der ganzen Auftrittszeit einnahm. Ein langsamer Song mit vielen Schattierungen. Elegisch angelegt, den Gibbons mit gefühlt drei unterschiedlichen Stimmen (darunter auch ein rezitierter part a la „It`s now or never“) singt und spricht.

Und die Gitarren, die Gitarren! Sie fließen dahin, Griffbretter werden über die ganze Länge ausgenutzt und Töne fallen wie Tropfen oder entgleiten nach irgendwohin, wo man ihnen nachsieht, wie Seifenblasen, die gen Himmel entfleuchen.

Hier merkt man: Diese Version der SGB stand nun gitarrentechnisch nicht mehr hinter dem ursprünglichen Gitarrenduo der SGB Mk. I zurück.

Außerdem überlegt man sich, ob Steve Gibbons und seine Band nicht wesentlich weiter vorne landen hätten können, wenn bei der Vermarktung und bei den Live-Auftritten diese ruhigere Seite mehr in den Vordergrund gestellt worden wäre. Schließlich gibt es mehr Menschen, die Honig zum Frühstück essen als solche, die Reißnägel verspeisen.

Birmingham-Song für Birmingham-Publikum

Zum Abschluss ihres Auftritts bei Birmingham Heart 1986 kam wieder Rockiges mit einem Text, der in der ausverkauften Birminghamer Veranstaltungshalle wohl den meisten aus dem Herzen sprach. B.S.A., das Wundermotorrad aus Birmingham wurde besungen!

Toll gemacht!

„Johnny B. Goode“ mit Ex-Beatle-George

Steve Gibbons durfte jedoch nach diesem gelungenen Auftritt noch nicht nach Hause gehen. Stunden später beendeten ELO ihr Konzert mit dem Chuck Berry-Song „Roll over Beethoven“ in ihrer bombastischen Version.

Danach kam noch ein weiter Chuck Berry- Song, der von allen Künstlern gemeinsam gesungen wurde: „Johnny B. Goode“. Im Mittelpunkt stand dabei jedoch der letzte Gast des Abends: Es war kein geringerer als George Harrison.

Die Nummer war nicht unbedingt das musikalische Highlight des Abends aber für Publikum und Mitmusiker sicher  der gefühlte Höhepunkt der Veranstaltung, alleine weil ein Beatle auf der Bühne stand.

Dennoch sollte Steve Gibbons nicht dieses Konzert als „absolute pinacle“ seiner Karriere ansehen, sondern ein anderes. Zwei Rolling Stones und ein Elvis Gitarrist als Backup-Band schlagen nämlich in den Augen mancher einen gemeinsamen Auftritt mit einem Beatle. (Dazu später mehr, wenn wir über das Jahr 2004 berichten.)

„On The Loose“: Auf freiem Fuß mit der nächsten Live-LP

Historischer Auftrittsort

Im Jahr 1986 gab es mit „On the Loose“ auch wiede eine reguläre LP-Veröffentlichung der Steve Gibbons Band, nämlich eine Live-Album, das einen Auftritt im Londoner Dublin Castle verewigte. Das Dublin Castle ist ein geschichtsträchtiger Auftrittsort in London. Ursprünglich als Lokal für irische „navvys“, also Eisenbahnarbeiter erbaut, wurde es ab den 1970ern von seinem Wirt Alo Conlon so erfolgreich zu einem Auftrittsort ausgebaut, aus dem auch Impulse für die Musikszene hervorgingen (u.a. machten Madness hier auf sich aufmerksam), dass der Tod des Wirts sogar dem britischen Guardian einen Nachruf wert war.

Neuer Mann am Bass

Zu hören ist auf „On The Loose“ wieder eine andere Inkarnation der Steve Gibbons Band, da der aus der Karibik stammende Roger Inniss  „Dangerous“ Derek Wood am Bass abgelöst hatte.

Inniss (1)
Roger Inniss und Steve Gibbons auf der CD-Widerveröffentlichung von „On The Loose“

Als Gast spielte zudem Peter Fileul Keyboards.

Der Rest der Band war gegenüber der Besetzung von der zweiten DDR-Tour unverändert (Steve Gibbons, P.J. Wright und Alan „Sticky“ White).

Neue Originalsongs der SGB

Von neun Songs auf dieser Live-LP sind drei Coverversionen (zweimal Bob Dylan, nämlich „To Be Alone With You“ und „Like A Rolling Stone“, also zwei Nummern, die die Band schon beim Rockpalast-Gig dargeboten hatten, und „Down The Road Apiece“ ein Boogie-Woogie-Song von Don Raye, den auch die Rolling Stones schon gecovert hatten).

Der Rest sind bislang unveröffentlichte Eigenkompositionen. Trotz fehlendem Plattenvertrag hielt also der Output an neuen Songs an. Zählt man dann noch die Songs, die später als Bonus-Tracks auf diversen Reissues erschienen sind, dann kann man sich zusammenzählen, dass da noch einige veritable Studioplatten drinnen gewesen wären, wenn es nicht an einem Vertrag gefehlt hätte.

On the loose (11)
Aus der Beilage zur CD-Veröffentlichung von „On The Loose“ (Doppel-CD mit „Caught In The Act“)

Zwei dieser Song („Love Part One“ und „Love`n`Peace“) hat Gibbons zusammen mit P.J. Wright geschrieben.  Der erste ist eher ein kommerziell orientiertes Liebeslied, während das zweite stellenweise fast Progrock-mäßig daher kommt und deshalb eine Sonderstellung im Katalog von Steve Gibbons einnimmt. An die gemächliche Einleitung schließen sich schneller parts mit prominenten keyboards an, die von treibenden Gitarren abgelöst werden

Der Titel des Albums knüpft wiederum an dem Gangsterimage der Band an: War man bei der vorherigen Live-Platte noch „Auf frischer Tat ertappt“ („Caught In The Act“), so war man nun „Auf freiem Fuß“ („On The Loose“). War der Titel auch eine Anspielung darauf, dass man keinen Plattenvertrag mehr hatte?

Das Gangsterimage nahm auch das Plattencover auf. Es zeigt Steve Gibbons mit eindrucksvoller Haartolle im Profil wie auf einem Polizeifoto. Und der Schriftzug des Titels der LP ähnelt einem Behördenstempel, wie er beispielsweise auf Entlassungspapiere gedrückt wird:

On the loose (12)

Bei den Songs setzt man, ähnlich wie bei „Caught In The Act“ auf solche, die geradeaus gehen. Eine nachdenkliche Verschnaufpause gibt es nur beim Einleitungsteil des vorletzten Song „Love`n`Peace“, der u.a. den religiösen Konflikt in Irland thematisiert. „Wenn das so weitergeht wird ein Pilz, größer als ein Atompilz die Erde in ein Niemandsland verwandel“n, heißt es da. Ängste, die die 1980er Jahre bestimmten.

Obwohl sich auf dem Album keine Chuck Berry-Coverversion findet, darf der Altmeister nicht fehlen. In der Eigenkomposition „Chuck In My Car“ werden die belebenden Wirkungen seiner Songs beim Autofahren beschrieben. Das abschließende „Like A Rolling Stone“ kommt hier direkter und mehr aus der Hüfte als die Reggae-gebremste Version beim Rockpalast-Konzert und wird so seiner Funktion als Abfeierhymne beim Finale, einschließlich Bandvorstellung und ausufernden Instrumentalparts zum Ende hin, wesentlich besser gerecht als die „Berliner Fassung“. (Die CD-Reissue enthält noch Bonustracks, diese werden im Zusammenhang mit der Wiederveröffentlichung angesprochen.)

„On The Loose“ ist kein „Caught In The Act no.2“, aber den Versuch, diese Scheibe zu imitieren machte „On The Loose“ ohnehin nicht.

„Auf freiem Fuß“ steht selbständig neben „Auf frischer Tat ertappt“ und gleichzeitig in dessen Schatten. Dies aber nur, weil viele potentielle Plattenkäufer überhaupt nicht von der Existenz dieser Platte, die nur von der Plattenfirma Magnum Force im Vereinigten Königreich und von Desperado Records in Skandinavien vertrieben wurde, erfahren hatten.

Ansonsten gilt für diese Platte dasselbe wie für alle anderen Liveaufnahmen der Steve Gibbons Band:

Jede präsentiert die Band in einer anderen Entwicklungsphase, in der unterschiedliche musikalische Akzente betont werden, und hat somit einen eigenständigen Platz im Gesamtkatalog. Viele Bands haben mehrere Live-Aufnahmen herausgebracht und man fragt sich häufig warum, da die Unterschiede zwischen ihnen oft eher marginal sind. Bei dieser Band ist dies definitiv anders!

Hier gehts weiter zum Beitrag über die nächsten beiden Tonträger der Band. Und hier finden Sie einen Überblick über die 1990er.

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