„One of the Boys“: Steve Gibbons schreibt und Roger Daltrey singt das „1977-er My Generation“ (1977/)

Bildquelle des Beitragsbildes: Screenshot https://www.discogs.com/de/Roger-Daltrey-Steve-Gibbons-One-Of-The-Boys-Please-Dont-Say-Goodbye/release/3482095

Covern und gecovert werden

Während die Steve Gibbons Band mit der Coverversion des Chuck Berry Songs „Tulane“ auf dem Weg in die Top Twenty der britischen Charts war, machte auch die Coverversion eines seiner eigenen Songs von sich reden.

Zwar konnte sich dieser Song nicht in den Charts platzieren, als Kurzfilm (den Begriff “Videoclip“ gab es damals noch nicht) erreichte er im Fernsehen und insbesondere im Kino Abertausende.

Wiederum spielte sich das Ganze in einem Umfeld von illustren Rockstars ab. Und auch hier war es die „Who-Connection“, die die Dinge zum Laufen brachte.

Roger Daltrey auf Solopfaden braucht Unterstützung

Roger Daltrey, der Leadsänger von The Who war offensichtlich mit diesem Job nicht ausgelastet. Nach der Verfilmung des Rockmusicals „Tommy“ hatte er sich durch seine weitere Hauptrolle in dem (weniger erfolgreichen und umstrittenen Film) „Listomania“ inzwischen auch als Schauspieler einen Namen gemacht.

Außerdem wandelte er regelmäßig auf musikalischen Solo-Pfaden. Im Jahr 1976 hatte er bereits drei Solo-LP und einige erfolgreiche Singles vorgelegt, bei denen er Coverversionen andere Musiker aufnahm.

Unterstützt wurde er bei seinen Soloprojekten von Leo Sayer als Songwriter. Als Daltrey damals beschloss, eine weitere Solo-LP aufzunehmen, war Leo Sayer jedoch ziemlich beschäftigt, da seine eigene Karriere als Solokünstler mit Single-Hits wie „You Make Me Feel Like Dancing“ (Platz 1 in den USA und Platz 2 in den UK im Oktober 1976) und LPs wie „Endless Flight“ (Platz 4 in den UK, Platz 10 in den USA im November 1976) erheblich Fahrt aufgenommen hatte.

With a little help from a bunch of friends

Daltrey fragte deshalb im Freundeskreis nach Songs und Unterstützung bei der Aufnahme. Dieser Ruf blieb nicht ungehört. Im Studio unterstützeten ihn, außer seinen Bandkollegen

  • John Entwistle und
  • Keith Moon, unter anderem
  • Rod Argent,
  • Alvin Lee (Ten Years After),
  • Mick Ronson (David Bowie) und
  • Hank Marvin von den Shadows.

Auch Eric Clapton, der allerdings zeitweise mit alkoholbedingten Ausfällen zu kämpfen hatte (On the 24th,gemeint ist Januar 1977 – Eric Clapton records a guitar overdub for Roger’s One of the Boys solo LP. The results aren’t quite good enough to use, however, after Eric gets soused on Roger’s gift of a barrel of Fuller’s Superstrong Ale.) war mit von der Partie/y.

Nur Jerry Leiber und Mike Stoller – die u.a. solche Klassiker wie „Hound Dog“, „Jailhouse Rock“ und, zusammen mit Ben E. King, „Stand By Me“ komponiert hatten – lehnten die Rolle als Produzent, die ihnen Daltrey angeboten hatte, dankend ab.

Paul Mc Cartney und Steve Gibbons liefern Songs

Entschädigt wurde er u.a. dadurch, dass kein geringerer als Paul McCartney mit „Giddy“ ihm einen seiner frisch geschriebenen Songs überließ.

Die Songwriterqualitäten von Steve Gibbons hatten Pete Townsend dazu bewegt, dessen Karriere zu fördern:

His writing never ceases to amaze me. He distills everything in the great British Rock writers tradition from Ray Davis to Lionel Bart… Steve can also bring across the true spirit of Nashville, of Dylan`s New York, or Bruce Springsteens`s or Paul Simon`s street heritage. Steve is from Birmingham but his culture is a stifed bag of music flour from fifteen years of Rock Harvest… (Pete Townsend in: The Steve Gibbons Book)

Deshalb verwundert es nicht, dass Roger Daltrey auch Gibbons um einen Song, den er für das neue Album aufnehmen konnte, bat.

Gibbons zeichnet „Portät des Who-Sängers als junger Mann“

Dieser griff nicht etwa in die Schublade mit bereits fertigen Liedern, sondern schneiderte Daltrey mit „One of the Boys“ ein Lied auf den Leib, das dann sogar dem gesamten Album den Namen gab und mit der Zeile „He’s a face in the mirror“ offensichtlich auch das surrealistische Cover a la Rene Magritte, auf dem man im Spiegel gerade kein Gesicht sieht, inspirierte.

rogerdaltrey-oneofboys1

Bildquelle: https://en.wikipedia.org/wiki/One_of_the_Boys_(Roger_Daltrey_album)

Darin porträtierte er den Sänger als kraftstrotzenden Rebellen, der bei allen Normalbürgern aneckt, aber auch den im Aufstieg befindlichen Punks deutlich Paroli bietet. Unter anderem heißt es in dem Lied:

He speaks with a terrible stammer
So he don’t have much to say
But he can spit further than any punk
So nobody gets in his way

He knows his generation like he knows his A-B-C
He’s a kind of kid that don’t get invited back for a Sunday tea
He’s a face in the mirror; he’ll make you a fight
But he’s alright

….
He’s blowing all the speakers, making his own noise
One of the boys

..
Frustration with the nation
Because the news is always bad
Life on the dole ain’t no good for your soul
It’s enough to drive a poor kid mad
So who’s going to put him down, for making his own noise?
One of the boys!

Vom Inhalt her und mit seinem rockigen Stil hätte das Lied durchaus auch auf eine der Platten von The Who passen können. Das macht nicht zuletzt ein Zitat von Pete Townsend, Mastermind und Hauptsonglieferant von The Who, deutlich:

His works sometimes touches on areas I have covered too: Steve is one of the few writers barring myself and Leo Sayer who have come up with a perfect song for Roger Daltrey. (Pete Townsend in: The Steve Gibbons Book)

Obwohl Daltrey Ähnlichkeiten mit den Arbeiten von The Who bei seinen Soloplatten ansonsten tunlichst vermied, machte er hier eine Ausnahme. Zu verlockend war es wohl, sich mit dem Lied selbst darzustellen.

„Video-Clips“ als Werbung für Singles

Um den Absatz der Singles, die man aus der Solo-LP diesem auskoppelte, anzukurbeln, drehte man auch kleine Filme (heute würde man sagen: Videoclips) dazu. Die ersten beiden davon sind jedoch filmisch nicht unbedingt „der Bringer“:

  • Derjenige zu „Written in the Wind“ geriet er eher bieder. Dort sieht man vor allem Roger Daltrey, wie er – nicht eben überzeugend – vorgibt, sich selbst auf dem Klavier zu begleiten.
  • Die Verfilmung von “Say It Ain’t So, Joe” zeigt Daltey mit Band, bei der vor allem Keith Moon heute noch im Internet Kommentare auslöst, da er nur mit einer Unterhose begleitet am Schlagzeug saß (was heute noch auf You Tube zu entsprechenden Kommentaren führt („the only drummer who comes to work in his under pants, thats british music for ya“ … „at least he was wearing something…“).

Daltrey ist einer von allen möglichen Arten von „Boys“

Demgegenüber verfolgt die Verfilmung der Steve Gibbons-Komposition „One of the Boys“ einen stringenten Ansatz:

Sie zeigt Roger Daltrey in nicht weniger als fünf Rollen, nämlich als

  • er selbst,
  • als Punk (stilecht mit Sicherheitsnadel durch die Nase),
  • als modischen „Teddy Boy“ ,
  • als Motorrad-Rocker und
  • als einfacher Arbeiter.

Die Botschaft, die damit vermittelt wurde, war, dass Daltrey nicht nur zu einer bestimmten Gruppe gehört, sondern für alle diese Gruppen „einer von ihnen“ ist.
(Was den Punk angeht widersprechen sich der Song und der Film übrigens: Im Song ist der „Boy“ Daltrey noch ein gefürchteter Gegner der Punks (But he can spit further than any punk), im Film dagegen ist er selbst einer.)

Der Weg zu „Starwars“ führt über „One of the Boys“

Der Kurzfilm lief, außer im Fernsehen, auch als Pausenfüller zwischen den Werbungen in den Kinos. Da diese gerade wegen des Blockbusters „Starwars“ rappenvoll waren, sahen so hunderttausende den verfilmten Song – und genossen ihn. Noch heute erinnern sich Fans auf You Tube:

  • 2 in a half minute of pure ROCK.
  • This was the first music video I ever saw. In a movie theater in the late 1970s (it ran between trailers). Which means, yes, it wasn’t video, but film.
  • Ive been wanting to see this one again for decades, it was on the Midnight Special way way back in the day and impressed me a lot. Many thanks for posting!!!

Bryan Wawzenek schrieb deshalb in seinem Artikel „When Roger Daltrey Enlisted Famous Friends for ‘One of the Boys’“ noch im Mai 2017(im Vergleich zu den Promo-Filmen zu den anderen Songs aus demselben Abum)

.. the promotional film tied to “One of the Boys” was a bigger deal.

Doch Daltreys` Single verkauft sich nicht

Kein „deal“ war dagegen die Single „One of the Boys“ (die am 24. Juni 1977 und damit sieben Tage nach Steve Gibbons Version von „Tulane“ erschien), da sie es nicht schaffte,  sich in den Charts zu platzieren. (Auf der B-Seite befand sich übrigens „You Put Something Better Inside Me“, das Gerry Rafferty, der 1978 mit „Baker Street“ einen Welthit landen sollte, zusammen mit Joe Egan, geschrieben hatte.)

„One Of The Boys“ ist das „1977 ‘My Generation“

Daltrey fand sich nicht nur in dem Lied gut getroffen, sondern er sah darin auch einige allgemeingültige Dinge, wie das strikte Klassendenken in Großbritannien, auf den Punkt gebracht.

Mick Brown zitiert Daltrey im „Rolling Stone“ vom 2. July 1977 in seinem Artikel Who’s Still Angry? Roger Daltrey Is – With a solo album on the way and more Who music on the horizon, Daltrey still hasn’t given up his working-class roots aus Anlass des Erscheinens von „One Of The Boys“ so:

If I wanted to get anything out of this business,” Roger Daltrey says, “it was never to have to go back and work in a factory again. And I’ve got that.

But the one thing I’ve learned is that money never buys you out of being working-class.

The middle classes don’t ever let you forget where you come from.”

Außerdem bezeichnete er den Song an selber Stelle

as “a 1977 ‘My Generation.’”

Passender Text, aber falsches Motorrad

Dass sich Roger Daltrey mit den Lyrics des Songs identifizieren konnte, zeigt auch, dass der Texte in voller Länge auf der Rückseite des Covers der Single abgedruckt wurde.

 

Für die Vorderseite wählte man ein Bild von Roger Daltrey auf einem Motorrad.

Dabei handelt es sich allerdings nicht um eine BSA aus der Heimatstadt von Steve Gibbons, um eine Harley-Davidson oder eine Triumph Boneville (über all diese Motorradmarke hat Steve Gibbons Songs verfasst, dazu an anderer Stelle mehr), sondern um eine – Suzuki!

Doppel-Promo-Single Roger Daltrey- Steve Gibbons in den USA

In den USA erschien das Lied offiziell überhaupt nicht auf Single.

Jedoch verteilte MCA an Disjockeys und Journalisten eine bemerkenswerte Promo-Single. Diese enthielt auf der einen Seite „One of the Boys“ in der Version von Roger Daltrey und auf der Rückseite das Steve-Gibbons-Original „Please Don`t Say Goodbye“.

Auf dem Cover fand sich unter dem in Fettbuchstaben geschriebenen Namen des jeweiligen Interpreten

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Bildquelle: Screenshot https://www.discogs.com/de/Roger-Daltrey-Steve-Gibbons-One-Of-The-Boys-Please-Dont-Say-Goodbye/release/3482095

auch eine handschriftlich unterschriebene kurze Widmung an den jeweils anderen.

Roger Daltrey schrieb dabei über Steve Gibbons:

I saw Steve Gibbons in a small club in London over a year ago.. I experienced that rather feeling one has when confronted with a star. The charisma of his on-stage performance coupled with superb writing talent, make him a certainty for world wide success.

I invite you to listen to „Please Don`t Say Goodbye“ from the Steve Gibbons Band`s latest LP „Rollin`On“.

Roger Daltrey

Gibbons bedankte sich seinerseits mit den Worten:

My association with The Who, especially Pete Townsend and Roger Daltrey, marked the turningpoint in my career, which included the oportunity to debut the Steve Gibbons Band in the U.S. while touring with The Who in 1976.

So, when Roger asked me to write a song for his new album, I felt it had to be about him: „One Of The Boys“

Steve Gibbons

Diese Promition-Single dürfte ein weiterer Beweis für das Ansehen sein, das Steve Gibbons bei den verschiedenen Mitgliedern von The Who genoß.

Sie belegt auch ein weiteres Mal, dass verschiedene Mitglieder von The Who bereit waren „to put their money where there big mouth was“ (wie Pete Townsend es im Vowort zum „Steve Gibbons Book“ in Anlehung an eine Zeile aus dem Steve Gibbons Song Eddy Vortex formulierte), also ihren Worten auch Taten folgen zu lassen, wenn es um die Förderung der Karriere von Steve Gibbons ging. (Nur, dass sich trotz all dieser Unterstützug die Prognose vom „world wide sucess“ nie erfüllte.)

Gibbons eigene Version auf dessen Live-LP

Steve Gibbons hat den Song auch mit seiner eigenen Band aufgenommen. Diese Version findet sich auf der Live-LP „Caught in the Act“, die es immerhin auf Platz 20 der britischen LB-Charts schaffte.

Die spätere stellvertretende Chefredakteurin der britischen Musikzeitschrift schrieb in einer Besprechung eines Konzerts im Birmingham Odeon über dieses Lied:

My favourite number was a new song „One Of The Boys“ where Gibbons acts out his best Johnny Cool persona as he spits out „he knows his generation like he knows his ABC`s.“

 

 

Von dieser Live-LP (und verschiedenen Radio- und TV-Auftritten) wird gleich noch die Rede sein.

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