Zweites Album, zweite Chance: Erste (und einzige) Hit-Single (1977/I)

Neue Songs, altes Team

Das zweite Album mit dem Titel „Rollin` On“ wurde im Jahr 11976 in derselben Besetzung wie das erste veröffentlicht. Auch der Produzent (Kenny Laguna) und die Plattenfirma (MCA) blieben gleich.

Anders als das erste Album besteht es nicht nur aus Eigenkompositionen des Bandleaders. Zwei Songs stammten dagegen aus fremder Feder. Einer von ihnen sollte die Band auf der nach oben offenen Karriere-Skala um einige Grad nach oben katapultieren und die Band weiter bringen als es die vielen hervorragenden Eigenkompositionen jemals geschafft haben.

 Zwei Coverversionen, zwei Idole

Die beiden Fremdkompositionen verweisen beide auf die musikalischen Ursprünge von Steve Gibbons. Deshalb sollen sie hier näher vorgestellt werden:

Bekannte Songs kann jeder covern

Da ist zum einen „Tulane“ ist eine eher unbekannte Nummer von Chuck Berry aus den 1970er Jahren. Offensichtlich überlässt es Steve Gibbons lieber anderen bekannte Chuck Berry Nummern nachzuspielen, obwohl das durchaus gute Aussichten eröffnet konnte, einen Hit zu landen, wie

  • Carol“ und „Little Queenie“ gecovert von The Rolling Stones,
  • „Rock`n`Roll Music“ (Beatles),
  • Roll Over Beethoven“ (ELO) und
  • „Back in the USA“ (Linda Ronstadt)

beweisen.

Steve Gibbons dagegen covert eher verborgene Perlen wie Tulane“ oder (Jahre später) „Jaguar and Thunderbird“.

Exkurs: „Tulane“ als Wendepunkt in Chuck Berrys Karriere

Mit „Tulane“ hat die Steve Gibbons Band einen eher unbekannten Song gewählt, der einen Neuanfang in Chuck Berrys Karriere markiert.

Zum einen war es die Single, die aus dem Album „Back Home“ ausgekoppelt wurde, das nach Berrys Rückkehr zu seiner ursprünglichen Plattenfirma, den legendären Chess Records, erschien. Damit kehrte er auch wieder zu seinen musikalischen Wurzeln zurück.

Sein vorheriges Album, das bei Mercury erschien, wurde zwar damals von einigen Kritikern gelobt ( Lester Bangs:The Master is back again, and this time he has come up with a record worthy of his reputation.„), war aber in der Rückschau gesehen eher eine hilflose Anbiederung an den Zeitgeist.

Die ganze B-Seite des Albums besteht aus dem fast 19 Minuten langen Stück „Concerto in ‚B Goode‚, bei dem Chuck Berry versucht, die mittlerweile angesagten Gitarrenheroen mit ihren Endlos-Interpolationen zu imitieren. Chuck Berry, ansonsten der Meister der kurzen spritzigen und klaren licks, die mit wenigen Tönen und ein paar Double Stopps auskommen, mäandert sich wie Jerry Garcia auf Entzug durch das Stück. Und wenn Chuck Berry seine Gitarrenläufe durch das Wah Wah zum Verstärker schickt, ist das ungefähr so, als ob Prinz Eisenherz gegen seine Feinde mit der Maschinenpistole kämpfen würde. Man merke sich: Wenn Opas ihre eigenen Enkel imitieren ist das allenfalls auf dem Spielplatz lustig!

Chuck Berry wurde also bei Mercury „modernisiert“, gleichzeitig aber auch verfremdet.

Mit dem Song „Tulane“ knüpfte er dagegen musikalisch wieder an seinen ursprünglichen Stil an – geht aber im Text neue Wege.

Das Lied beginnt mit einem Gitarrenintro, von dem man sofort weiß, dass es von Chuck Berry stammt (weil es fast so – aber eben doch ein bisschen anders – klingt wie die Intros zu vorherigen Chuck Berry- Songs). Danach wird in ca. 2:40 min. zu treibendem Beat und über gehetzt klingendem Gesang eine komplette Kurzgeschichte erzählt.

Deren Inhalt ist eine Konzession an den Zeitgeist und ein neues mögliches Publikum. Bis dato ging es in Berrys Songs nämlich meist um typisch amerikanische Teenager-Themen: Mädchen, langweilige Schulstunden, Cruising mit dem Auto und auch mal ums Heiraten. Zielgruppe von „Tulane“ dagegen sind die Hippies: In dem Song geht es nämlich um ein Liebespaar, das dabei auffliegt, wie es in seinem Laden „den creme of the crop“ (wahrscheinlich Drogen) vertickt.

Dadurch, dass er Tulane aufnahm, beleuchtet Gibbons also auch ein weniger bekanntes Stück aus der Biographie von Chuck Berry und wird so für seine eigenen Zuhörer zum Fremdenführer in die Rockgeschichte. Wer Gibbons live gesehen hat, wird wissen, dass der diese Rolle, gerne übernimmt, wenn er Coverversionen spielt.

SG Songbook
Steve Gibbons (Song) Book aus dem Jahr 1978, herausgegeben von Pete Townsend, der auch das Vorwort dazu schrieb

Tupelo Mississippi Flash: Die Qualitäten von Elvis bleiben unerkannt

 Auch mit der zweiten Fremdkomposition auf diesem Album zollt Steve Gibbons einem seiner Ideale aus der ersten Generation der Rock-Götter sein Tribut und erzählt gleichzeitig eine (allerdings fiktive) Anekdote aus der Rockgeschichte. „Tupelo Mississippi Flash“ aus der Feder von Jerry Reed.

Der Song ist nämlich eine gesungene Kurzgeschichte darüber, wie ein Lastwagenfahrer aus Tupelo Mississippi bei einem Vertretungs-Talentscout vorsingt, der nicht erkennt, dass, der Mann vor ihm das Zeug zum Weltstar hat.

Eigene Songs, die sich hören lassen können!

Auch die auf „Any Road Up“ enthaltenen Eigenkompositionen können sich hören lassen. Diese sind:

  • „Wild Flowers“
  • „Light Up Your Face“
  • „Now You Know Me“
  • „Mr. Jones““
  • „ll The Well Runs Dry“
  • „Cross Me Over The Road“
  • „Till The Fire Burns Out“
  • „Low Down Man“
  • „Right Side of Heaven“
  • „Rollin` On“
  • „Please Don`t Say Goodbye“
  • „Rounden“

Moderate Töne überwiegen

Insgesamt gesehen überwiegen auch auf dieser Platte (anders als bei den Live-Auftritten) wiederum die eher moderate Töne. Die Lieder sind verdammt gut gemachte Popsongs, bei denen Steve Gibbons spezifische Stimme gut zur Geltung kommt, aber auch die Musiker sich entwickeln können.

Insbesondere Wild Flowers mit seinem perlenden Intro und seinem simplen, aber einprägsamen Gitarrenlick hätte sich, ebenso wie Till The Well Runs Dry auch in der Slow-Tanz-Runde auf der Jugendparty gut gemacht. Wenn diese Lieder von Smokey (zu denen sie musikalisch durchaus gepasst hätten!) aufgenommen worden wären, würden heute vermutlich einige Leute mehr diese Songs kennen.

Lebhafter, aber ebenso absolut radiotauglich ist Now You Know Me, das einem die morgendliche Wartezeit an der Verkehrsampel angenehm verkürzen kann. Noch beschwingter ist Please Don`t Say Goodbye.

Das Album präsentiert gute Songideen, eine markante Stimme und eine routinierte Band. Andere haben mit weit weniger Talent und Engagement einen Hit nach dem anderen abgesetzt. Die Qualität dieser Songs belegt u.a. der Umstand, dass einige von ihnen noch heute, mehr als 40 Jahre später, noch Bestandteil des Live-Repertoires der Steve Gibbons Band in ihrer jetzigen Inkarnation sind.

Insbesondere „Mr. Jones“, ein mehr erzähltes als gesungenes Stück über merkwürdige Substanzen und wie man unverhofft in deren Besitz gelangen kann, kann man auch heute noch bei beinahe jedem Konzert der Band hören. („Till The Fire Burns Out“ scheint dagegen im Live-Repertoire der Gruppe keine Rolle zu spielen. Wirklich schade!)

Positive Kritiken

Kein Wunder also, dass das Album nicht nur damals, direkt nach seinem Erscheinen positive Kritiken erntete, sondern auch heute noch im Internet von Hörern „über den Schellenkönig gelobt“ wird: Einige Beispiele dafür:

  • Great rare rock n roll from days gone by.
  • Never seeming to get the vocal or songwriting credit he’s so clearly due – Birmingham’s STEVEGIBBONS is possessed of one of those ‚great‘ rock voices – Paul Rodgers, Frankie Miller and Dan McCafferty (to name but a few) are names that jump to mind. And when SG gets his larynx around a Rock ‘n’ Roll song especially – British magic will happ
  • Like Dire Straits, the guitars tend to be bendable and fluid, the vocals a little grimy and unpolished, the production edgy and bright. But these are all pluses, especially on cuts like ….'“, „Now You Know Me“ and „Till The Fire Burns Out“. 

Die Hitsingle: Mit Chuck-Berry-Song in die Top Twenty

Trotz dieser Qualitäten schaffte es die LP „Rollin`On“ nicht in die Album-Charts.

Mehr Glück hatte man mit der ausgekoppelten Single, die, gemessen an der Chart-Platzierung, zum größten Hit der Band werden sollte und Platz 12 der britischen Charts erreichte. (Bei Konzerten der SGB bekommt man dagegen den Eindruck, dass Songs wie „Mr. Jones“, „No Spittin` On The Bus“ oder „Down In The Bunker“ in der Publikumsgunst vorne liegen.)

Das damalige musikalische Umfeld

Das als Single ausgewählte Chuck Berry-Cover „Tulane“ wirkte schon im damaligen musikalischen Umfeld schon wie aus der Zeit gefallen. Allerdings hatte der Song dies mit anderen Nummern, die es damals in die britischen Top-Twenty geschafft hatten, gemeinsam.

  • In der Woche vom 6. August 1977 belegte nämlich eben angesprochene Herr Elvis aus Tupelo Mississippi mit „Way Down“ (Elvis-Fans mögen die Frage „Kennt das heute noch einer?“ verzeihen) die Pool Position.
  • Und auch Showaddywaddy waren mit „You Got What It Takes“ (Platz 4) weder Avantgarde, noch Punk oder Disco, sondern deutlich rückwärtsgewandt.

Der Rest der in den Charts vertretenen Songs ging dagegen in völlig andere musikalische Richtungen:

  • So belegten Patz 2 die Floaters mit „Float On“. (Die Gruppe klingt ein bisschen wie Barry White meets Hot Chocolate, also eher typisch für die damalige Zeit, die Rocker nicht gerade mit offenen Armen empfing.)
  • Dito für Nummer drei. Den Titel „Angelo“ haben wohl die meisten vergessen, aber den Namen der Interpreten Brotherhood of Man haben sicher schon einige gehört.

Je mehr man sich an das damalige Umfeld erinnert, desto unwahrscheinlicher erscheint es einem eigentlich, dass sich die Steve Gibbons Band in dem damaligen Umfeld wirklich mit einem Rock`n`Roll-Song in den Charts platzieren konnte.

  • Auf Platz 5 etwa landete Fly (den Bandnamen haben viele vermutlich längst vergessen) mit dem Song „Magic Space“ (Hier dürften ein paar Groschen fallen, wenn Sie sich an das Video erinnern: Ein Computer pfeift lasch durch seine Keyboardtasten, während sich in den goldenen Helmvisieren aseptischen Astronauten ebenso steril, aber sehr prominent im Detail ins Bild gesetzt, ein tanzenden Frauenkörper in bunter Unterwäsche spiegelt.)
  • Ähnlich leblos ging es bei einer weiteren Nummer, die sich vor der Steve Gibbons Band platzieren konnte, zu. Das Plattencover zeigte dankenswerterweise als Warnung die obere Hälfte eines Totenkopfs. Man war also gewarnt, wenn man „Oxygene Part IV“ von Jean-Michel Jarre hörte.

Soweit die Songs, die vor „Tulane“ lagen. Interessant auch, was sich dahinter platzieren konnte: Wenigstens in dieser Woche lag die Steve Gibbons Band vor Gruppen wie Songs wie

  • „Boney M. (Ma Baker“ Platz 19)
  • Smokey „(It´s Your Life“ Platz 20)

Und auch

  • Rita Cooolidge,
  • Mink DeVille,
  • Donna Summer und
  • The Jam

lagen mit ihren jeweils aktuellen Singles in dieser Woche hinter der Band aus Brum. Auch wenn sich Steve Gibbons vielleicht gefragt hat, warum es mit keinem seiner eigenen Songs geklappt hat: Es muss sich gut anfüllen, sich vor all diesen illustren Namen platzieren zu können!

Mit Hit ins TV

Mit einem Top Twenty Hit in der Tasche hatte man gleichzeitig auch die Eintrittskarte für Fernsehauftritte in verschiedenen Shows gelöst.

Davon wird in der nächsten Folge der Steve-Gibbons-Story die Rede sein.

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