The Dylan Project: Steve Gibbons und Dave Pegg machen sich und allen Dylan-Fans ein Weihnachtsgeschenk (1997)

The Dylan-Project: Die Anfänge

Ein nächtlicher Entschluss mit Folgen

Manchmal entstehen aus eher beiläufigen Unterhaltungen sehr langfristige Projekte. In diese Gruppe gehört ein Gespräch zwischen Steve Gibbons und seinem früheren Bandkollegen Dave Pegg, das beide  kurz vor Weihnachten 1997 nach einem Konzert (nach der Autobiographie von Dave Pegg war es ein Fairport Convention- Konzert nach Steve Gibbons in den liner notes zur CD „The Dylan Project“ war es ein gemeinsamer „inpromptu gig with Peggy“, den man veranstaltete, weil er, Gibbons, das Konzert zu Dave Peggs` fünfzigstem verpasst hatte) saß man bei einigen Pints Guinness zusammen.

Als Steve davon sprach, dass er gerne mal ein ganzes Album mit Dylan-Songs aufnehmen würde, lud ihn Peggy dazu in sein Studio ein. Außerdem schlug Dave Pegg vor, Simon Nicole, der nicht nur ein hervorragender Gitarrist ist, sondern ebenfalls ein großer Verehrer von Dylan, miteinzubinden. Steve überredete dann seinen alten Sideman P.J. Wright und Dave Pegg seine beiden Fairport Convention-Kollegen Rick Sanders und Chris Leslie sowie den Schlagzeuger Gerry Conway mitzumachen.

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Dave Pegg und Phil Bond. Foto von Tim Freeman,„The Old Lockup“, s. auch die Danksagung am Ende des Beitrags

Dylan-Songs im Studio, Dylan live im NEC

Es dauert ein bißchen, bis man den Plan in die Tat umsetzen konnte. An fünf Tagen im Juni 1998 war es dann soweit und man ging ins Studio.

Wie der Zufall es wollte, spielte während dieser Tage, konkret am 24. Juni 1998, Bob Dylan im National Exhibition Center (NEC). Das liess sich die Band natürlich nicht entgehen. Wie man heute noch auf Bootlegs nachhören kann, war es ein denkwürdiger Auftritt, bei dem Dylan – anders als bei vielen anderen Gelegenheiten – auch gut bei Stimme war. Dieses Konzert, bei dem Van Morrsions Dylan bei „Knockin` On Heavens Door“ begleitete, scheint der Band zusätzlichen Antrieb gegeben zu haben. P.J. Wright kommentiert:

I was spellbound and he was wuz fab./Ich war verzaubert und er war fantastisch.

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P.J. Wright. Foto von Tim Freeman,„The Old Lockup“, s. auch die Danksagung am Ende des Beitrags

Fünfzehn Songs, vornehmlich aus den 1960ern

Allerdings scheint das Konzert keinen Einfluss auf die Auswahl der Lieder, die man für das Album aufnahm, gehabt zu haben. Mit Ausnahme des Songs „Highway 61 Revisited“ gibt es keine Überschneidungen zwischen der Setlist des Konzertes und den Liedern auf der CD. Von 19 Titel, die man mit Mark Tucker am Mischpult aufnahm, schafften es fünfzehn auf die CD. Diese waren:

  • Colours To The Mast
  • When The Ship Comes In
  • Simple Twist Of Fate
  • Highway 61 Revisited
  • It Takes A Lot To Laugh, It Takes A Train To Cry
  • 4th Time Around
  • I Am A Lonesome Hobo
  • Peggy Day
  • Stuck Inside The Mobile With The Memphis Blues Again
  • Dark Eyes
  • Down Along The Cove
  • Absolutely Sweet Marie
  • I Want You
  • Winterlude
  • Ring Them Bells

Der Schwerpunkt lag also eindeutig auf Liedern aus den 1960er Jahren.

Eine kritische Frage und zwei Antworten

Das Resultat ist erstaunlich: Die Stimme von Steve Gibbons ist der von Bob Dylan sehr ähnlich. Mitunter muss man zweimal hinhören um sicher zu sein, dass hier nicht das Original singt!

Gerade deshalb muss aber die Frage erlaubt sein, welchen Sinn es macht, die Songs mit einem solchen Sänger nochmals einzuspielen? Schließlich könnte man ja ebenso gut die Originale hören!

Darauf gibt es jedoch gleich zwei Antworten.

  • Zum einen ist die Stimme zwar sehr ähnlich, aber doch anders, man möchte sogar sagen: besser. Ein Kritiker hat es einmal so beschrieben, dass Gibbons mit der Stimme von Dylan singt, die dieser besaß, bevor sie bei ihm selbst „in den Arsch ging“ (went to shit). Es gibt auch Hörer, die sehen den wesentlichen Unterschied zwischen der Stimme von Bob Dylan und Steve Gibbons darin, dass man bei Gibbons versteht, von was er singt. Der Text, der von His Bobness selbst häufig nur beiläufig genuschelt wird, wird bei Steve Gibbons pointiert dargeboten, man möchte sogar sagen zelebriert. Das wohl beste Beispiel auf dieser CD dafür, wie die Erzählung eines Songs dadurch auf ein ganz neues Niveau gehoben werden kann, dürfte „I am a Lonesome Hobo“ sein.
  • Und auch musikalisch tut sich einiges:Der Band ging es nämlich nicht darum, Coverversionen im Sinn von Abziehbilder zu liefern, sondern sie bietet ausgefeilte Neuinterpretationen, die das Fundament des Ausgangsmaterials zwar unverändert lassen, aber ansonsten neue Aufbauten und Fassaden errichten. Der Grund liegt darin, dass jeder Musiker genug Raum bekommt, sich selbst zu entfalten. Manchmal werden die Songs erheblich rockiger. Unser diesbezüglichder Favorit ist übrigens „Gotta Serve Somebody“ in der YouTube-Aufzeichnung vom Cropedy-Festival 2011. Nicht selten geht der „Tapetenwechsel“ jedoch in Richtung Jazz. Songs, die auf den Originalaufnahmen allenfalls ungeschliffene Rohdiamanten sind, glitzern nach der Bearbeitung durch The Dylan Project mit 24 Karat. Der wesentliche Unterschied liegt also im musikalischen Gewand, in dem die Songs dargeboten werden.

Lars Nilson meint dazu auf http://thegreenmanreview.com:

Do not expect any copies of His Bobness’sown performances, the Dylan Project play the songs their own way, not straying to far from the original but adapting it to their own style/Erwarten Sie keine Kopien der eigenen Darbietungen von His Bobness, The Dylan Project spielen die Lieder auf ihre eigene Art und Weise, wobei sie sich nicht zu weit vom Original entfernen, aber es an ihren eigenen Stil anpassen.

(Weitere Kritikerstimmen werden wir noch später zitieren, wenn wir über die weitere Karriere von The Dylan Project berichten.)

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Steve Gibbons. Foto von Tim Freeman,„The Old Lockup“, s. auch die Danksagung am Ende des Beitrags

Hommage der Musiker an Dylan auch schriftlich

Im Booklet zur CD beschreiben die vier Hauptakteure Steve Gibbons, P.J. Wright, Dave Pegg und Simon Nicol die Entstehungsgeschichte der Platte sowie ihr Verhältnis zur Bob Dylan. Dadurch geben sie dem Album eine weitere persönliche Note.

  • Dave Pegg beschreibt vor allem die Entstehungsgeschichte des Albums, stellt aber einleitend fest, dass Steve Gibbons nicht nur daran „schuld“ ist, dass von der Gitarre zum Bass gewechselt hatte, sondern auch, dass er zum Dylan-Fan wurde:

It was really down to Steve Gibbons that I became a Dylan fan … and a bass player./Es ist Steve Gibbons zu verdanken, dass ich Dylan-Fan wurde … und Bassist.

  • Simon Nicol dagegen macht Bob Dylan dafür verantwortlich, dass er selbst Musiker wurde:

I´d blame the simple fact that I became a musician … on him. And the revelation of poetic, vivid music which revealed itself to me from those first couple of LPs. It touched me DEEPLY. As perhaps only an adolescent discovering something wonderful which few of his peers appreciated at all and which was the object of categoric dismissal, at the least, and of sometimes scating cynical debasement by older generations./Ich würde die einfache Tatsache, dass ich Musiker geworden bin, auf ihn schieben … Und die Offenbarung der poetischen, lebendigen Musik, die sich mir aus diesen ersten paar LPs offenbarte. Das hat mich ZUTIEFST berührt. Vielleicht kann nur ein Heranwachsender so etwas Wunderbares entdecken, das nur wenige seiner Altersgenossen überhaupt zu schätzen wussten, und das von der älteren Generation kategorisch zurückgewiesen und manchmal skandalös zynisch entwürdigt wurde.

  • Ebenfalls an seine Gefühle als Teenager erinnert P.J. Wright:

From the Dansette at a polite teenager party (parents in the next room) came „The Times They Are (A-Changing)“. It was love at first sight – the voice, the sound, the words and all. Being a fifteen year old apprentice bohemian, I was right with him from that moment on, through all those breathtaking changes as each subsequent album shifted stances and revised the plot./Vom Plattenspieler Marke „Dansette“ kam bei einer züchtigen Teenager-Party (die Eltern waren im Nebenraum) „The Times They Are (A-Changing)“. Es war Liebe auf den ersten Blick – die Stimme, der Klang, die Worte und alles. Als fünfzehnjähriger Bohème-Lehrling war ich von diesem Moment an bei ihm, während all dieser atemberaubenden Veränderungen, als jedes nachfolgende Album die Positionen wechselte und den Handlungsstrang veränderte.

  • Steve Gibbons gibt das umfangreichste Statement ab, das so voller Anspielungen und Zitaten aus den Songs ist, dass man es kaum in eine andere Sprache übersetzen kann (So what? The times have changed .. it`s not dark yet“). Zitieren wollen wir allerdings seinen Schlusssatz, indem er festhält:

One thing`s for sure: whatever transpires from this endeavour, it will be a labour of love by all concerned/Eines ist sicher: Was immer aus diesem Unterfangen hervorgeht, es wird wurde von allen Beteiligten mit viel Liebe geschaffen.

Musikalisches Bekenntnis weht vom Fahnenmast

Die Summe all dieser Statements bringt der einzige Song auf dieser CD, der nicht von Bob Dylan stammt, sondern aus der Feder von Steve Gibbons auf den Punkt. Er heißt „Colours to the mast“ (frei übersetzt man das am besten wohl mit „Ich bekenne mich zu Dir“ oder „Ich bekenne für Dich Farbe“). In dem Lied, das musikalisch etwas an „Simple Twist of Fate“ erinnert, heißt es u.a.:

… when the good ship sails across the howling sea/ and the crew beginn to doubt your captainicy/ you can call on me/ …./ I have been through all of those songs you wrote …/and everyone says so much to me/I wish I could have said myself/ some people say you are lost living in the past/but I am gonna keep my colour to your mast / … wenn das gute Schiff durch die heulende See segelt/und die Besatzung beginnt, daran zu zweifeln, dass Du Dich zum Kapitän eignest,/kannst Du mich rufen/…/Ich habe alle Lieder, die Du geschrieben hast, durchgemacht …/und jedes einzelne sagt mir soviel/von dem ich wünschte, dass ich es selbst sagen können hätte/einige Leute sagen, dass Du hast Dich darin verloren ist, in der Vergangenheit zu leben/aber ich werde mich mmer zu Dir bekennen

Dieser Song, fast möchte man sagen: dieses Gebet, ist ein deutliches Bekenntnis zu Bob Dylan und dessen Auswirkungen auf die eigene Biografie.

Exkurs: Steve Gibbons als Fan

Steve Gibbons schreibt solche Songs vermutlich, weil er zwar ein bedeutender Rockmusiker, aber gleichzeitig immer noch ein die-hard-Fan einiger seiner Idole ist. Das merkt man etwa, wenn man Gelegenheit hat, sich mit ihm über die Beatles zu unterhalten. Dann wird er nicht nur lebhafter als ohnehin schon ist, sondern er erzählt von Biografien, die über sie gelesen hat. Und im Zusammenhang mit John Lennon fallen dann Wörter wie „Genie“.

Kein Wunder also, dass sich in seinem Werk auch verschiedene andere „Bekenntnis-Songs“ finden:

  • Da ist zum einen „Mississippi Flash“, vom Album „From Birmingham to Memphis“, zum anderen
  • „Hey Buddy“ von seiner Solo-CD „Stained Glass“ aus dem Jahr 1996 für Buddy Holly und
  • „Chuck in My Car“ von dem Steve-Gibbons-Band-Album „On The Loose“ für Chuck Berry.

Auch das Lied für Buddy Holly ist sehr persönlich und auch sehr ehrfürchtig, vor alleme, wenn man bedenkt, dass es von einem Mann in seinen Fünfzigern als Hymne auf einen jungen Mann, der schon mit zweiundzwanzig Jahren gestorben ist, geschrieben wurde. Dennoch bleibt es hinter „Colours to the mast“ zurück. Der Grund ist, dass Elvis, Buddy Holly und Chuck Berry zwar Götter im Rock-Olymp des Steve Gibbons sind, aber Zeus dort ist kein anderer als Bob Dylan!

 

„The Dylan Project“: Weiteres Solo-Album oder erstes Album einer neuen Band?

Das Album erschien zwar unter dem Titel „The Dylan Project“, als Interpret wurde jedoch auf der Vorderseite ausschließlich Steve Gibbons genannt.

Auf der Rückseite hieß es dann, der Tonträger sei mit (with) Simon Nicol, P.J. Wright und Dave Pegg eingespielt worden. Alle anderen Mitwirkenden (Gerry Conway an den Drums, Ric Sanders, Geige, Chris Leslie, Geige und Gesang, sowie die Backgroundsänger bei „Ring Them Bells“ Ben Bennion, Mick Bullard und Maarin Allcock) werden als „special guests“ geführt.

Album erschien also als Solo-Album von Steve Gibbons, nicht als Album einer Band namens The Dylan Project.

Ein solche Band gab es damals noch nicht. Es sollte jedoch nicht lange dauern, bis man den Titel des ersten Albums zum Bandnamen machte und als The Dylan Project jährlich, meist zum Jahresende, einige Konzerte gab. Als feste Mitglieder dieser Gruppe wurden (in dieser Reihenfolge) Steve Gibbons, P.J. Wright, Dave Pegg, Simon Nicol und Gerry Conway genannt.

Als „Special Guest“ firmierte der US-amerikanische Keyboarder John „Rabbit“ Bundrick. Mit diesem hatte man einen weiteren hochkarätigen Musiker an Bord geholt. Nicht nur, dass er schon mit Bob Marley and the Wailers, Roger Waters und Free gespielt und/oder aufgenommen hatte und auch wesentlich an den Aufnahmen für die The Rocky Horror Picture Show beteiligt gewesen war: Seine prominenteste Referenz war die Zusammenarbeit mit The Who, die er ab 1979 bei Touren, Konzerten (darunter auch Live Aid 1985) und Aufnahmen unterstützte.

Aus Album wird Band

Von nun an sollten bis ins Jahr 2019, als sich The Dylan Project auflöste, im November und Dezember (das war der Zeitraum, in der sich die Mitglieder der Fairport Convention, zu der der größte Teil der Bandmitglieder im Hauptberuf gehörte, gegenseitig Ferien gaben) jeweils Konzerte der Band in Großbritannien im Terminplan stehen. Mehr als fünfzehn bis zwanzig Konzerte im Jahr wollte man nicht geben.

Zum einen hatten alle Beteiligte noch genügend andere Aktivitäten am Laufen, zum anderen sollte das Projekt, das eine Herzensangelegenheit der Musiker war, auch nicht zur Routine verkommen.

 

Hier geht es weiter zur Übersicht über die 2000er Jahre.

Die Bilder zu diesem Beitrage verdanken wir Tim Freeman, der nicht nur diese – und vielen anderen ! –  schönen Konzertfotos – die man auch auf seinem Flickr Account findet, geschossen hat, sondern ebenso in Derbyshire unter dem Namen „The Old Lockup“ ein liebevoll eingerichtetes, historisches Bed and Breakfast betreibt, das sich in einem alten Polizeigefängnis befindet – und damit hervorragend zu manchen zwielichtige Gestalten, die in Steve Gibbons-Songs eine Rolle spielen, passen würde.

 

 

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